Zwischen Warblogs und Informationsministerium
23.05.2003: Kurzbericht zur Veranstaltung
"Zwischen Warblogs und Informationsministerium. Medien
und Öffentlichkeit nach dem Irakkrieg" am 22. Mai 2003.
An der von Till Westermayer und Arne Rogg-Pietz (beide
Netzwerk Neue Medien) in enger Kooperation mit der
Heinrich-Böll-Stiftung (Olga Drossou, Jan Schallaböck) organisierten
Veranstaltung nahmen Mira Beham (Publizistin), Markus Deggerich
(Spiegel-Online), Stefan Krempl (Journalist und
Medienwissenschaftler), Clemens Lerche
(Redaktionsleiter Berlin politik-digital) und Hendrik
Zörner (Geschäftsführer des Hauptstadtbüros des
Deutschen Journalistenverbandes DJV) teil.
Nach einer kurzen Begrüßung durch die
Heinrich-Böll-Stiftung (Olga Drossou) begann die
Veranstaltung mit einer Präsentation von Till
Westermayer, in der als Impuls für die anschließende Diskussion
verschiedene wichtige Momente in
der Berichterstattung des Irakkrieges rekapituliert und
in den thematischen Zusammenhang des Workshops
gestellt wurden. Angesprochen wurden dabei das Konzept der
eingebetteten Berichterstatter, die in den deutschen Medien stattfindende
Debatte über Medienberichte, der Kampf um die Deutungshoheit der medialen
Wirklichkeit und schließlich verschiedene alternative Zugänge
zu Informationen über den Irak-Krieg, insbesondere das Internet.
Danach begann die Podiumdiskussion mit kurzen
Eingangsstatements aller TeilnehmerInnen.
Mira Beham betonte, dass die "Embedded Journalist"
keineswegs eine neue Erfindung der USA seien. Bereits
im 2. Weltkrieg habe es "Informationskompanien" gegeben.
Hendrik Zörner widersprach dieser Meinung und betonte
in seinem Eingangsstatement, das die eingebetteten
Journalisten sehr wohl eine Neue Form der
Berichterstattung seien, da sie im Gegensatz zu den
Informationskompanien der Deutschen ausgebildete
Journalisten seien. Dadurch ergebe sich eine ganz
andere Haltung zur Informationsvermittlung und auch
eine größere Unabhängigkeit. trotzdem sei das Konzept
der eingebetteten Journalisten insgesamt für die
Regierung der USA als ein großer Erfolg zu werten. Er berichtete
weiterhin über ungewöhnlich viele Anfragen an den DJV durch JournalistInnen
und Medien - bis hin zur Bitte um die Vermittlung von Schutzwesten.
Stefan Krempl stellte in seinem Eingangsstatement
die Entwicklung der Warblogs dar. Diese seien zwar als solche
breits im Kosovokrieg eingesetzt worden, aber
erst im Verlauf der Irakkrise und des folgenden Krieges
eine wirklich relevante Informationsquelle für
breitere Bevölkerungsteile geworden. Er betonte, dass
eben gerade in Abgrenzung zu den Informationen, welche
die eingebetteten Journalisten liefern könnten, die
Stärke der Warblogs darin liege, sehr viele verschiedene
Quellen miteinander zu verlinken und so
Informationen vergleichbarer und letztlich auch
bewertbarer zu machen.
Clemens Lerche wies darauf hin,
das sich gezeigt habe, dass das Internet mittlerweile
erwachsen geworden sei. Deutlich werde dies darin, dass es
als gleichwertiges Informationsangebot rezipiert werde.
Weiterhin war er der Meinung, dass es keine Rolle spiele, über
welches Medium und welches Format innerhalb dieser
Medien sich die Menschen informieren. Wenn Menschen
ihr Wissen über die Welt durch Soaps bezögen, sei
das völlig ok und nicht zu kritisieren. Ebenso sei es
völlig in Ordnung, wenn sich die politische
Berichterstattung im Format diesen Soaps annäherte, es
geben ja immer noch an anderen Stellen, beispielsweise
im Internet, die Möglichkeit zusätzliche Informationen abzurufen.
Markus Deggerich betonte besonders die Scheinheiligkeit
der öffentlich-rechtlichen Medienanstalten in Bezug auf
ihre Berichterstattung aus der Krisenregion. Sie hätten
festangestellte Korrespondenten aus
Sicherheitsgründen aus dem Krisengebiet abzogen und sie
durch freie Mitarbeiter ersetzt. Insgesamt sei aber ein
für die deutschen Medien ungewohnt kritischer und
distanzierter Umgang mit den verfügbaren Informationen
zu beobachten gewesen, der in vielen Fällen von einer
selbstkritischen Metadiskussion über die Rolle und
Möglichkeiten der Medien in der Berichterstattung über
diesen Krieg begleitet worden sei.
Auf Nachfrage aus dem Publikum wurde von allen Seiten
bejaht, dass die kritische Funktion der Medien in
einem anspruchsvollen Sinne sich mindestes auf dem
Rückzug befinde, sich wahrscheinlich aber eher bereits
verabschiedet habe. Markus Deggerich wies noch einmal
gesondert darauf hin, dass (Massen)Medien immer schon
aus Information und Unterhaltung bestanden
hätten und sich die Gewichtung dieser Teile immer
in Bewegung befinde und zur Zeit Information
hauptsächlich als Infotainement stattfinde. Das müsse aber
für die Zukunft nicht unbedingt so bleiben.
Nach einer Stunde der Diskussion auf dem Podium wurde
das Publikum mit einbezogen und gab
über gestellte Fragen und vertretene Standpunkte noch
einmal Impulse an die PodiumsteilnehmerInnen. Themen dabei waren
unter anderem die Rolle von JournalistInnen, die Bedeutung des
Internet und der Wunsch, doch auch in den Massenmedien kritische
Hintergrundberichte verstärkt zu platzieren.
Abgeschlossen wurde die Diskussion mit kurzen Statements aller
TeilnehmerInnen zur Frage, was die wichtigste Medienentwicklung
durch den Irak-Krieg sei.
Insgesamt waren mehr als 50 BesucherInnen zur Veranstaltung
erschienen. Damit wurden die Erwartungen der
VeranstalterInnen übertroffen. Auch das ausgeglichene Geschlechterverhältnis
und die Alterszusammensetzung des Publikums waren eine
überaus positive Überraschung.
Die Mehrzahl der BesucherInnen blieben
über das offizielle Ende der Veranstaltung hinaus und
nahmen die Gelegenheit war, mit den
PodiumsteilnehmerInnen die Diskussion in informeller
Atmosphäre weiterzuführen. Dabei wurde ein insgesamt positives Feedback zu der
Veranstaltung deutlich.
Die Veranstaltung konnte durch die vielfältige Besetzung des
Podiums einen breiten Überblick über Themen der Medienentwicklung
und Berichterstattung während des Irak-Krieges geben. Auch
das Publikum beteiligte sich rege an der Debatte. Die
Einbettung in einen Rahmen aus Anfangsimpuls und Möglichkeit zum
informellen Gespräch im Anschluss hat sich als
sinnvoll erwiesen.
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