Stellungnahme zu Filter & Jugenschutz in Schulen
08.09.2004: Am heutigen Mittwoch fand im Berliner Abgeordnetenhaus eine Anhörung zum Thema "Jugendschutz im Internet" statt, zu der Markus Beckedahl, Vorsitzender des Netzwerk Neue Medien als Sachverständiger geladen war.Sehr geehrte Damen und Herren,
vielen Dank für die Einladung zu heutigen Anhörung. Im folgenden werde ich auf die technische Sicht von Filtertechnologien eingehen.
Wie wirksam sind eigentlich Filter?
Aus technischer Sicht kann ich Ihnen nur die Empfehlung geben, sich nicht zu sehr auf eine vermeintliche Wirksamkeit der Technik zu verlassen. Filtertechnologien funktionieren nicht, zumindest nicht so wie Sie es sich vorstellen. Dazu ist das Internet zu komplex.
Hersteller von Filtertechnologien verbreiten gerne die Illussion, dass man mit ihren Techniken unerwünschte Inhalte ausblenden kann, immerhin ist das ihre Geschäftsidee. Wenn man sich die Realisierung anschaut, so sieht man weltweit, dass die Filter entweder nur einen kleinen Bruchteil des Internets überhaupt wiedergeben und damit eine riesige Anzahl von Webseiten enfach ausblendet, oder Webseiten durch eigene Filterkategorien und/oder automatische Roboter ausblenden.
Das ICRA-System, u.a. favorisiert von T-Online, Microsoft und von der Bertelsmann-Stiftung initiiert, hat z.B. die negativen Nebeneffekte, dass nur als Jugendfrei markierte Seiten überhaupt zu sehen ist.
Wie schaut denn jeweils ihre persönliche Abgeordntenhomepage aus, haben Sie schon einen Gütesiegel dafür? Wenn nicht, dann werden mit dieser Technologie zukünftig vielleicht keine Jungwähler mehr sich von Schulrechnern über Ihre Arbeit informieren können.
Das gleiche gilt für Millionen privater Homepages, Online-Tagebücher und sonstige Informationsquellen. ICRA wird dazu führen, dass kommerzielle Anbieter das Jugendfreie Netz dominieren werden. Somit wird eine historische Chance vertan, das Netz so zu nutzen, wie es aufgebaut ist:
Bottom-Up anstatt Top-Down wie wir es bei den klassischen Medien Fernsehen, Bücher und Zeitschriften kennen.
Zwar kann der ICRA-Filter auch weniger restriktiv genutzt werden, aber dann sind eben auch sehr viele unerwünschte Inhalte erreichbar und der Filter verliert seine Daseinsberechtigung.
Andere Systeme arbeiten mit Kategorien, d.h. ein Administrator wählt aus, ob auf dem Internet-Zugang alle dem Filter bekannten Seiten beispielsweise der Kategorien Sex oder Terrorismus komplett ausgeblendet haben möchten. Dies
klappt überhaupt nicht problemlos, da hiermit oft auch Sexualität-, Aids oder Drogenaufklärungsseiten ausgeblendet werden. Oder die Seiten des Chaos Comuter Club nicht erreichbar sind, weil der als terroristische Vereinigung kategorisiert ist, bzw. das globalisierungskritische Netzwerk Attac als Finanzdienstleister. Der Spaß hört aber dann auf, wenn eine NPD-Seite zum NPD-Verbotsverfahren als Bildung kategorisiert wird und dutzende Nazi-Sites dazu. Hier stellt sich immer die Frage, wer kategorisiert eigentlich die Seiten?
Eine andere Herangehensweise sind automatische "Roboter", die in Echtzeit Bilder und Texte analysieren und kategorisieren. Diese Programme bewerten dann selbst, ob etwas jugendfrei ist oder nicht. Ich persönlich würde keinem Programm eine solche Entscheidung zutrauen, da die künstliche Intelligenz noch Jahre bis Jahrzehnte braucht, um das vernünftig und sicher zu machen.
Was nicht ausgeblendet werden kann, ist die Kommunikation an sich. Die Gefahr, dass Kinder in Chats mit Pädophilen kommunizieren, bekommen Sie mit Filtern nicht gebannt. Und dieser Chat kann genauso gut auf einer Jugendfreien Seite sein. Oder stellen Sie sich vor, pornographisches oder anderes jugendgefährdendes Material kommt durch die Filter durch, was absolut realistisch ist und diese Nachricht verbreitet sich schnell in der Schule unter den Schülern und jeder will es mal ausprobieren.
Schlecht geschulte Pädagogen, die nicht mit dem Medium Internet vertraut sind, sind in diesem Fall mehr als kontraproduktiv. Deshalb ist es wichtig, dass immer qualifizierte Betreuer, Eltern oder Lehrer daneben sitzen oder helfend einwirken können, wenn Kinder und Jugendliche mit Jugendgefährdetem Material in Berührung kommen.
Wichtige Demokratie-Fragestellungen rund um Filtertechnologien und Bürgerrechten sind auch: Wer kontrolliert die Software? Ist der Quellcode der Software verfügbar und somit demokratisch hinterfragbar? Kann man dahinter schauen
und kritisch prüfen, ob die Software auch das hält, was sie verspricht?
Wer kontrolliert eigentlich die Filter? Was bei klassischen Medien noch relativ einfach und transparent ist, hier sei auf den monatlichen Katalog der Bundesprüfstelle für Jugendgefährdende Medien hingewiesen, ist beim Medium Internet nicht mehr möglich. Stellen Sie sich einen Katalog vor, der nicht mehr einige Seiten mit indizierten Videos, Spielen und Magazinen enthält, sondern alles, was von den Filtersystemen abgeblockt wird. Das ist nicht mehr kontrollierbar, weil das Millionen von Seiten sein werden.
In vielen Staaten werden Filtersysteme aber auch hervorragend zur Zensur genutzt werden, um unerwünschte Webseiten, wie die von westlichen Medien oder Menschenrechtsorganisationen auszublenden.
Wir haben nichts dagegen, dass Eltern zuhause an ihren Computern teilnehmerautonome Filter für ihre Kinder einsetzen. Das soll und muss jeder und jede Erziehende für das private selbst entscheiden. In Schulen oder gar Jugendeinrichtungen, haben diese Filter unserer Meinung nach aber nichts verloren.
Bei der ganzen Filterdebatte darf man natürlich einen wichtigen Aspekt nicht vergessen, und zwar den Reiz des Verbotenen. Es ist und bleibt eine Illussion, alles gesellschaftlich unerwünschte ausblenden zu können. Gerade kreative Jugendliche werden viel Motivation aufbringen, die Filter zu umgehen. Dies kann zwar einen guten Beitrag für mehr Rechner- und Medienkompetenz darstellen, da diese Fähigkeiten sicherlich gut dabei trainiert werden, führt aber nicht zu den gewünschten Ergebnissen.
Viel wichtiger ist, dass qualifizierte Betreuer, Eltern und Lehrer immer dabei sind, wenn Kinder surfen.
Wieviel kostet eigentlich eine solche gewünschte Filterinfrastruktur? Es ist ja nicht damit getan, Filter auf allen Rechnern zu installieren. Meist
muss jährlich für Lizenzen bezahlt werden, und vor allem die Pflege und Support der Filtertechnologien verbrauchen eine Menge Ressourcen.
Wenn man sich die Kosten für eine Filterstruktur und die schlechte Finanzsituation des Landes Berlin anschaut, so geht unsere Empfehlung ganz klar dahin, das vorhandene Geld in die Aus- und Weiterbildung für Lehrer und Jugendbetreuer zu investieren. Dies ist der nachhaltigere Ansatz und
angesichts immer knapper werdender Bildungsbudgets der einzige empfehlenswerte Weg.
Deshalb mein Abschlussplädoyer:
Filtersysteme sind nur Scheinmaßnahmen - das sollte Ihnen immer bewusst sein. Generell stellen wir eine Tendenz zum "overblocking" von Filtersoftware fest, d.h. es fällt bei der Filterei vieles sinnvolles unter den Tisch und in den meisten Fällen bleibt es für die Nutzer auch noch intransparent, was eigentlich genau gefiltert wird.
Filtertechnologien, um gesellschaftlich erwünschte Inhalte auszublenden, sind der falsche Weg, weil sie ihr Versprechen, wenn überhaupt nur um den Hohen Preis des Verlustes der Informations- und Meinungsfreiheit, halten können. Zur Vermittlung von Informationskompetenz tragen Filter wenig bei. Medien- und Informationskompetenz muss entschieden gestärkt werden.
Wir empfehlen ein pädagogisch nachhaltiges Vorgehen: Verlassen Sie sich nicht auf technische Scheinlösungen, die 100% Jugendfrei suggerieren und investieren Sie das vorhandene Geld in die nachhaltige Ausbildung von Betreuern und Lehrer im Umgang mit dem Internet sowie in der Vermittlung von Medien- und Informationskompetenz.
Anhang:
Was genau ist eigentlich Medienkompetenz?
Unter Medienkompetenz ist das aktive Rezipieren, effektive Nutzen und kreative Gestalten von Medien zu verstehen. In dieser Diskussion ist wahrscheinlich eher der Begriff
Informationskompetenz gemeint.
Informationskompetenz bezeichnet u.a. die Fähigkeiten, für die Suchfrage eine oder mehrere potentielle Informationsquellen zu finden, die Informationsquellen zu evaluieren , die Suchergebnisse kritisch zu bewerten, die gefundenen Antworten zur Problemlösung einzusetzen, die Ergebnisse adressatenbezogen zu präsentieren (Gespräch, Publikation, Website) .
Von der Informationskompetenz ist Rechnerkompetenz zu unterscheiden, die den zielgerichteten Umgang mit der Informationstechnik bezeichnet.
Für das Leben in einer Informationsgesellschaft wird die Kombination aus Medien- Informations- und Rechnerkompetenz eine grosse Rolle spielen. Diese müssen in der Erziehung adäquat umgesetzt werden.
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