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Rede zur Förderung Freier Software

14.03.2003:

Einen schönen guten Morgen,

zu früher Stunde stehe ich hier nicht als Vertreter der Wissenschaft, sondern als junger, politisch denkender Mensch, der ein Plädoyer für die Förderung Freier Software in einer beginnenden Wissensgesellschaft halten möchte.

Am Anfang war Software frei. An Universitäten wurden Sourcecodes getauscht, erweitert und verbessert. Das Betriebssystem UNIX und viele Anwendungen, die auch heute noch das Internet am Laufen halten, entstanden daraus. Bis in den 70er Jahren die ersten Firmen anfingen, ihre Software kommerziell durch Lizenzen zu vertreiben und den Code zu verschliessen. Und nun haben wir Monopole mit bis zu 90% Marktdominanz, die angeblich gut für die Innovation sein sollen!? Aber bedeutet der Status Quo, dass dieses Modell der "grossen Saurier" á la Microsoft & Co. auch das bessere Konzept ist und sich am Ende durchsetzen wird? Auch die Atomindustrie galt mal als Garant für Innovation und Arbeitsplätze. Heute ist klar, dass regenerative Energien nicht nur nachhaltiger und innovativer sind. Viel mehr neue Arbeitsplätze entstehen in dezentralen Strukturen - regenerative Energien müssen schliesslich gewartet und erweitert werden. Auch hier entstand ein neues Denken, welches von der Zivilgesellschaft in Kyoto, Rio und Johannisburg eingefordert wurde.

Bei Freier Software ist es ähnlich. Firmen beginnen immer mehr, ihre ehemals proprietäre Software unter freie Lizenzen zu stellen. Sie erwarten schnellere Entwicklungszyklen durch das Modell und dem Engagement der weltweiten Community, den vielen Menschen, die Code programmieren, Dokumentationen schreiben, Software testen oder eher die Nutzerfreundlichkeit erhöhen wollen. OpenOffice und Mozilla sind das beste Beispiel dafür - ein konkurrenzfähiges Officepaket und ein ebensolcher Browser. Kein Wunder - immerhin sollen sich schon über 10.000 Menschen weltweit an dem OpenOffice- Projekt beteiligen. Für die Firmen ist diese strategische Herangehensweise nicht gerade eine Enteignung ihres Geistigen Eigentums. Firmen verdienen an ihrem KnowHow und den damit verbundenden Dienstleistungen. Wie z.B. Service, Support, den Möglichkeiten, Software individuell an Geschäftsprozesse anzupassen oder Zusatzfeatures kommerziell zu vertreiben. Public-Privat Partnerships mal anders gedacht.

Die Freie Software Community hat es geschafft hat, 10 Jahren nach Entwicklung des Linux-Kernels viele Konkurrenzprodukte zu einer grossen Softwareindustrie zu entwickeln. Heute koordiniert ein 15-jähriger Brasilianer die globale Weiterentwicklung des Linux-Kernels. Und es werden ständig mehr Programmierer, die aus unterschiedlichster Motivation ihre Kreativität und nicht nur ihre Freizeit der Allgemeinheit zur Verfügung stellen. Monetäre Motivation steckt weitestgehend nicht dahinter, eher der Wunsch nach Anerkennung und Respekt, verbunden damit, etwas an die Gemeinschaft zurück zu geben. Medienkompetenz entsteht durch das kritische Auseinandersetzen mit Medien und der Technologie dahinter und ist keine Frage des Alters. Softwareentwicklung wird auch zur Kulturtechnik, so dass Software nicht mehr nur als Wirtschaftsgut gesehen werden darf.

Freie Software bietet vielfältige Chancen, die Digital Divide nicht nur in den Entwicklungsländern zu verringern. Die Anschaffungskosten für Informations- und kommunikationstechnologien sinken, da Software frei verfügbar ist. Infrastrukturen müssen transparent sein, durch den offenen Code der Freien Software wird diese kritisch hinterfrag- und erweiterbar. Neue Wege zur Lösung globaler Probleme entstehen - Programmieren für die Dritte Welt oder zur Erhaltung von Menschenrechten in einer digitalen Welt. Heute ist das bequem vom Schreibtisch aus oder mit dem Notebook im Park in der westlichen Welt möglich. Nicht nur eine Vision, sondern mehr und mehr die Gegenwart. Für mich ist dies auch eine Ausgestaltung des Agenda21-Prinzips. Global denken und lokal handeln. Dieses Art von gesellschaftlichen Engagement ist etwas neues und steht erst am Anfang. Es muss anerkannt, gefördert und geschützt werden!

Noch ist es möglich, das Rad der Geschichte zurück zu drehen. Der Staat sollte sich bewusst sein, dass der Markt nicht alles regelt. Vier konkrete Aktionsvorschläge möchte ich hier im Plenum schon mal vorstellen:

Freie Software in die Öffentliche Verwaltung! ... damit der Staat zum Vorbild für Informationssicherheit wird, Lizenzkosten spart und transparente Infrastrukturen bekommt.

Freie Software in die Schule! ... damit SchülerInnen lernen, mit Freier Software umzugehen und nachhaltige Alternativen zum Monopol kennenlernen.

Keine Ausweitung von Softwarepatenten! ...damit gesellschaftliches Engagement nicht gefährdet wird.

Offene Standards entwickeln und einsetzen! ... für mehr Nachhaltigkeit und Vielfalt in der Informationstechnologie.

Freie Software muss als öffentliches Gut geschützt werden. Die zarte, aber immer grösser werdende Pflanze namens Freie Software gilt es zu hegen und zu pflegen, auf dass sie die Wissensgesellschaft zum erblühen bringt. Ein mächtigeres Werkzeug für die Verwirklichung unserer vielen Visionen in einer digitalen Welt stand der Zivilgesellschaft bisher nicht zur Verfügung. Nur Mut, brecht mit Euren Vorstellungen aus der Industriegesellschaft, lasst Euch auf das neue Denken ein und traut Euch, neue Wege zu gehen! Eine freie, offene und nachhaltige Wissensgesellschaft ist möglich.

Markus Beckedahl, Netzwerk Neue Medien, www.nnm-ev.de

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